Dr. med. Wolff Kersten v. Düring

Arztpraxis für Naturheilverfahren

   
     
     
   

 

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Logotherapie

 

Die Logotherapie wurde Mitte des vergangenen Jahrhunderts von Prof. Viktor E. Frankl in Wien entwickelt.  Sie versteht sich als geistesbetonte Psychotherapie im Gegensatz zu den mehr behaviouristischen bzw. analytischen Psychotherapievarianten.

 

Sinnexistenz

Logo bezieht sich auf logos, den Sinn. Nicht zu verwechseln mit Logopädie (Sprechschulung).

Das Wort Sinn entstammt dem altdeutschen "sinnan" = reisen, streben.

Jemand, der den Sinn von Etwas sucht, schlägt gedanklich eine Richtung ein. Der Sinn ist der Schrittmacher für die menschliche Existenz. Er geht dem Sein voran !

Sinnlosigkeitsgefühle kommen auf, weil der Mensch eben keinen Instinkt hat, der ihm sagt was er zu tun hat. Im Gegensatz zu früheren Zeiten gibt es keine Traditionen mehr, die ihm sagen was er zu tun hat und jetzt weiss er nicht mehr was er will. So will er oft nur das, was andere tun  = Konformismus oder er tut nur das was die anderen von ihm verlangen = Totalitarismus.

Das Haben ist verlierbar, das Sein dagegen unverlierbar, sogar noch im Vergangen-Sein.

Der sogenannte Übersinn ist ein Sinn der dem Bewusstsein des Menschen nicht mehr zugänglich ist, z.B. der Sinn der Existenz des Bösen, des Weltkrieges, der Naturkatastrophe X etc.

Sobald Sinnfragen an das Ganze gehen scheitern sie, denn das Ganze hat letztlich nur einen Übersinn. Unterhalb dieser Schwelle befindet sich der Mensch im Spannungsgefüge zwischen Gegenwart und Vergangenheit im Hier und Jetzt, wo er sich seinem gegenwärtigen Sinn offenbaren muss = Sinn des Augenblicks.

Um seelisch gesund zu bleiben, muss man sich selbst transzendieren (weg vom Ego, vom neurotischen Selbstkarussell) im Hinblick auf einen zu erfüllenden Sinn. Die Selbsttranszendens steht dabei im Gegensatz zur blossen Selbstverwirklichung um ihrer selbst willen. Die Selbsttranszendens ist dort, wo man sich selbst übersieht und vergisst, z.B. im Dienst an einer Sache, einer Person. In Hingabe oder Aufgabe oder Liebe. Genauso wie das Auge nur die Umwelt, nicht aber sich selbst wahrnimmt. Das Auge sieht sich selbst nur, wenn es krank ist. Falsch verstandene Selbstverwirklichung ist nichts als Egoismus.

Der Mensch benötigt immer eine wohldosierte Spannung. Unterforderung ist schwerer zu ertragen als Überforderung, da sie zu Langeweile und Sinnlosigkeit führt.

 

 

Wertelehre

Für Frankls Wertelehre ist ein sogenannter Wert ein noch nicht verwirklichter Sinn. Werte sind objektive Realität, die unabhängig von ihrer Erkenntnis existieren. Sie erscheinen lediglich als Relative, da die Erkenntnis ihrer Werte subjektiv bedingt ist.

Werte erleichtern dem Menschen die Sinnsuche, weil der Mensch sich an ihnen die wiederkehrenden Sinnmöglichkeiten bewusst macht.

 

Frankl unterscheidet drei verschiedene Möglichkeiten der Sinnfindung:

1. die Haltung: Verwirklichung der persönlichen Einstellung (z.B. gegenüber einem Schicksal)

2. Kreativität:  die Verwirklichung schöpferischer Werte

3. Erfahrung:  die Verwirklichung von Erlebniswerten, Begegnungen, Familie, Diskussionen...

 

1. der homo patients und die Verwirklichung von Einstellungswerten:

der Sinn einer Erkrankung liegt nicht im Kranksein selber, sondern im Umgang damit. Stichwort Vorbildfunktion, das Leiden in Triumph wandeln. Sich die freiheitliche innere Haltung dem Schicksal gegenüber bewusst sein.

 

2. der homo faber und die Verwirklichung schöpferischer Werte:

es geht darum, die Welt mit etwas werthaftem zu bereichern und/oder eine Situation sinnvoll zu gestalten. Es ist niemals das Spektakuläre, was eine Arbeit zum Wert macht. Eine verbogene Arbeitshaltung besteht da wo sie lediglich dem Gelderwerb dient. In der Existenz der Arbeit zur Geltung zu kommen. Die Gemeinschaftsbezogenheit der Arbeit erkennen.

 

3. der homo amans und die Verwirklichung von Erlebniswerten, die Bereicherung von sich selbst:

Die Liebe ist das Erleben des anderen Menschen in  seiner Einzigartigkeit. Der Liebende sieht nicht nur die Person, sondern auch die unendliche Vielfalt von Möglichkeiten, die dem Geliebten offen stehen. Er bejaht ihn auch in seinen Werten. Er sieht ihn nicht nur wie er ist, sondern was er alles werden kann. 

Sozialgebundene Erlebniswerte sind z.B. Begegnung, Aufopferung, Solidarität, Zuhören, Hilfsbereitschaft, Mitempfinden. Nichtsozialgebundene Erlebniswerte sind Selbstüberwindung, Naturliebe, Tierliebe, Religiösität, Kunstgenuss, Sporterlebnisse...

 

Wertekonflikte entstehen dann, wenn die verschiedenen Werte in ihrer Ranghöhe verkannt werden und die spezifische humane Dimension verkannt wird. Jeder Mensch sollte die Ranghöhe in verantwortungsvoller Weise herausfinden. Ein existentielles Vakuum ensteht, wenn das Ausleben von Trieben nur Lustgewinn und keine echte Befriedigung schafft. Echte Lust entsteht immer nur als Nebenwirkung erfüllten Sinns und begegnenden Seins.

Sie kommt als Nebeneffekt und nicht als primär anzusteuerndes Ziel !

 

Geistes und Gewissensbejahung

Während zwischen Leib und Psyche nur eine unscharfe Grenzbeziehung besteht, was ständig Wechselbeziehungen hervorruft so steht der Geist beiden polar gegenüber. Das (gut trainierte und trainierbare) Gewissen ist dabei das Sinnesorgan des Geistes. Es entspricht der Fähigkeit des Menschen den einmaligen und einzigartigen Sinn, der in jeder Situation verborgen ist, aufzuspüren.

Der Mensch kann sich von seinem Körper und seinen Gefühlen distanzieren. Diese machen ihn nicht wirklich aus. Um den Geist zu akzeptieren muss der Mensch sogar eine Freiheit von der Leib-Psyche-Polarität bejahen.

Das Gewissen gehört zu den spezifisch menschlichen Phänomenen analog zur "geheimen Gesamtintelligenz" aller übrigen Naturphänomene.

Die wesentliche Aufgabe des Gewissens ist die Abstimmung konkreter  Fälle  mit einem allgemeingültigen Gesetz. Hier hilft nicht Wissen, nicht Gefühl und nicht Intellekt, sondern lediglich Intuition.

Das Gewissen verhält sich irrational und ist von keinem gültigen Gesetz ableitbar. Das Gewissen ist unbürokratisch, es ist alogisch und individuell. Das Gewissen folgt einer intuierenden Herzensweisheit. Es sollte im Vergleich zum Verstand Priorität eingeräumt werden. Aber vor Irrungen ist auch das Gewissen nicht geschützt. Es ist aber notwendig, statt immer mehr Wissen, das Gewissen zu verfeinern.

Beispiel: Ein hochintelligenter Mann, promoviert, mit gutem Verhältnis zu seiner Familie, gut aussehend, sehr musikalisch, belesen, beschäftigt sich mit Wissenschaft und gilt als äusserst sympathisch. Wer ist dieser Mann? Es ist Dr. Josef Mengele (Nazi-Arzt in Auschwitz).

Der Mensch muss das Wagnis eingehen, dem Gewissen zu gehorchen, trotz der anhaftenden Ungewissheit.

 

Sinnfindung 

Der Sinn ist nicht etwas, was die Projektion der eigenen Triebe und Bedürfnisse ist. Zum Beispiel dient der Geschlechtstrieb der Bewusstwerdung des Sinns nach Fortpflanzung und der partnerschaftlichen Einheit. Vordergründige Triebe sind somit nur das Symptom eines tieferliegenden Sinns. Nach dem Sinn des Triebes sollte man sich verhalten. Er sollte nicht erzeugt, sondern gesucht werden.

 

Wie kann der wahre Sinn einer Situation erkannt werden ? Lt. Frankl kann es nur eine Wahrheit geben. Noch kurz vor dem Tode können wir allerdings nicht wissen, ob wir den wahren Sinn unseres Lebens erfüllt, oder ob wir uns nur getäuscht haben. Das entbindet uns aber nicht von der Notwendigkeit danach zu suchen. Das Gewissen ist das Sinnesorgan dazu.

 

Der Sinn einer Situation darf nicht erfunden, sondern muss gefunden werden !

Der Sinn ist der jeweiligen Situation zu entnehmen und nicht zu geben. Versucht der Mensch Sinn zu erzeugen, statt zu finden, entsteht Unsinn oder ein subjektives Sinngefühl wie Rausch, Triebhandlungen, Abreaktion etc. Es geht also nicht darum, nach einer selbstbefriedigenden Handlung dieser eine Sinnordnung  zuzuweisen. Für Frankl geht es immer um einen konkreten Sinn in einer konkreten Situation. Dabei ist es manchmal wichtig, Sinn nur in kleinen Dosen zu sich zu nehmen, um keine zu hohen Erwartungshaltungen zu haben.

Erforderlich ist eine offene Grundhaltung ohne Erwartungs- oder Wunschhaltung. Der Mensch hat nicht zu fragen, er ist der vom Leben befragte. Der Mensch vollzieht im praktischen Lebensvollzug die Beantwortung der eigenen Fragen. Verantwortung bedeutet, die Anfrage einer bestimmten Situation mit einer ganz bestimmten eigenen Antwort zu begegnen und zu entscheiden, ob und wie man handelt. Leben ohne Verantwortung kann zwar ein erlebtes Leben sein, ist aber kein gelebtes Leben.

 

Logotherapie als Psychotherapie

Die Logotherapie ist eine Psychotherapie, die sich vorwiegend an der Gegenwart orientiert. Das Durchschauen der Vergangenheit im tiefenpsychologischen Sinn muss jedoch nicht immer mit einer schädliche Hyperreflexion  verbunden sein. Im schweren Fall kann sie  der Neuorientierung dienen, wenn der Mensch sehr weit von seinen Wertegefühlen entfernt ist. Hier ist also erstmal eine symptomatische Psychotherapie gefragt. Aber die psychologische Biographie sollte eben nicht zu lange in der Vergangenheit verweilen, um sie zu analysieren, sondern um die Person aus der Geschichte heraus besser zu verstehen. Sie schafft Möglichkeiten zur Stellungnahme und Einstellungsmodulation. Eine Entwürdigung wäre es, aus der Vergangenheit Entschuldigungen für Handlungen abzuleiten, denn wenn man dem Menschen die Verantwortung für sein Tun nimmt, stiehlt man ihm die Würde.

Die Voraussetzungen zur Logotherapie sind die grundsätzliche Ansprechbarkeit für Werte, ein Verstehenkönnen und Wollen, Offenheit, Vertrauen und die Bereitschaft Anworten zu geben. Im Finden des Sinns kommt es sehr auf Offenheit, Gerechtigkeit und Sachlichkeit an. Es entspricht einem Ringen um die innere Wahrheit.

 

Techniken, z.B. "STOP Emotion":

  Was ist mein Problem ?

  Wo habe ich meinen Freiraum ?

  Welche Wahlmöglichkeiten habe ich ?

  Eine davon ist die Sinnvollste, aus dem Sinn-Organ "Gewissen" heraus.

  Die will ich verwirklichen: Intentionshandlung.

 

Zur Klärung der Sinnfrage helfen auch drei Fragen, die man sich stellen kann:

Wenn ich es nicht tue, wer tut es dann ?

Wenn ich es jetzt nicht tue, wann soll ich es tun ?

Wenn ich es jetzt nur für mich tue, was bin ich danach ?

 

 

Eine besinnliche ZEN - Story  zur Logotherapie

 

Autorin umfangreicher lesenswerter Patientenliteratur zum Thema Logotherapie bzw. Sinnfindung ist Elisabeth Lukas.

 

Ein lesenswertes Buch zur Besinnung: "Schritte der Achtsamkeit", Autor: Thich Nhat Hanh.